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Wenn die Unruhe größer ist als das, was geschehen ist

24. Aug.
5 Min. Lesezeit

Eine alltägliche Befindlichkeitslegung – und was sieben Karten über einen einzigen unruhigen Vormittag erzählen können


Heute Vormittag hatte ich ein Telefonat, nach dem ich merkwürdig aufgewühlt war. Das Gespräch war keineswegs dramatisch verlaufen. Dennoch spürte ich noch zwei Stunden später eine Nervosität, die zu dem tatsächlichen Geschehen kaum passen wollte.

Solche Zustände kenne ich: Äußerlich ist wenig geschehen, innerlich hingegen scheint plötzlich alles in Bewegung geraten zu sein. Früher hätte ich wahrscheinlich weiter darüber nachgedacht, weshalb mich das Gespräch derart beschäftigte. Heute lege ich in solchen Augenblicken bisweilen die Karten.

Also legte ich meine Befindlichkeitslegung.

Und die Antwort war bemerkenswert.



Die kurze Antwort



Oben, dort, wo in meiner Legung das Bewegliche und Augenblickliche liegt, erschienen die Zwei der Kelche und der Ritter der Schwerter.

Die Zwei der Kelche passte unmittelbar zum Anlass: Ein Gespräch innerhalb einer für mich bedeutsamen Beziehung hatte etwas in Bewegung gebracht. Auf der gegenüberliegenden Seite zeigte der Ritter der Schwerter ziemlich genau den Zustand, den ich noch immer spürte. Mein Geist war aufgescheucht. Gedanken folgten auf Gedanken, eine Frage rief die nächste hervor.


In der Mitte des äußeren Stranges lag die Welt.

Mit ihr konnte ich zunächst wenig anfangen. Dann wurde mir klar, was geschehen war: Ich hatte längst wieder meine ganze Welt im Kopf. Das Telefonat war vorüber, mein Denken hingegen hatte sich inzwischen all den anderen Fragen zugewandt, die mein Leben gegenwärtig beschäftigen.


Im Zentrum der gesamten Legung lag ausgerechnet die Vier der Schwerter.

Ihre Aussage war denkbar schlicht und zugleich eine Aufforderung: Für den Augenblick war genug gedacht. Ich musste nichts entscheiden, nichts weiter durchdringen und nichts zu Ende bringen. Die Vier der Schwerter forderte mich auf, meinen Geist zur Ruhe kommen zu lassen.

Und unten, in der Grundlage, lagen die Hohepriesterin und die Vier der Stäbe: auf der einen Seite innere Sammlung, auf der anderen eine durchaus tragfähige äußere Grundlage.

Die Karten hatten meine Nervosität also nicht beseitigt. Sie hatten mir gezeigt, wo sie hingehörte.

Sie lag im Beweglichen, im augenblicklichen Geschehen. Darunter sah es erheblich ruhiger aus.


Ich war unruhig. Aber ich war nicht so unruhig, wie ich mich fühlte.




Wer genauer wissen möchte, wie ich zu dieser Deutung komme


Vor einiger Zeit habe ich hier schon einmal eine Befindlichkeitslegung vorgestellt. Sie gehörte zu meinen frühen Versuchen mit Tarot und arbeitete mit sieben einzelnen Lebensbereichen.

Später probierte ich eine andere Anordnung aus. Die sieben Karten lagen nun in einer Form, die einem großen H ähnelt: drei links, drei rechts und eine Karte im Zentrum.

Je häufiger ich auf diese Weise legte, desto mehr fiel mir auf, dass sich innerhalb dieses Kartenbildes eine eigene Ordnung zeigte.


Die linke Seite beschrieb das, was in mir geschah, die rechte das, was sich im äußeren Leben zeigte. Zugleich schienen die Karten oben häufiger etwas Bewegliches und Augenblickliches aufzunehmen: eine momentane Reaktion, einen neuen Gedanken, ein Ereignis des Tages. Unten fand sich hingegen auffallend oft das Beständigere – eine Grundhaltung oder eine bereits vorhandene Grundlage.

Die Karte in der Mitte erwies sich als Kern, auf den sich das übrige Bild beziehen ließ.


So entstand im Gebrauch nach und nach die Form, mit der ich heute arbeite:

Links: Innen

Rechts: Außen

Oben: das Bewegliche

Unten: die Grundlage

In der Mitte: der Kern der gegenwärtigen Befindlichkeit


Dass die Karten dabei ausgerechnet ein H bilden und mein Name ebenfalls mit H beginnt, fiel mir erst später auf.

Seitdem darf sie ruhig "Hilles Befindlichkeitslegung" heißen.


Ein Kartenbild lässt sich aus mehreren Richtungen lesen

Für mich liegt der besondere Reiz dieser Legung darin, dass ich die Karten nicht nur einzeln betrachte. Ich kann den Innenstrang von oben nach unten lesen, anschließend den Außenstrang – und danach die waagerechten Verbindungen durch die zentrale Karte hindurch betrachten.

Dadurch kann dieselbe Karte innerhalb verschiedener Zusammenhänge einen anderen Akzent bekommen.


Der Innenstrang

Auf der linken Seite lagen:

Zwei der Kelche – König der Kelche – Hohepriesterin

Oben, im Beweglichen, die Zwei der Kelche. Das vorausgegangene Gespräch hatte eine Beziehung berührt und damit etwas ausgelöst.

Darunter der König der Kelche. Gefühl war reichlich vorhanden, musste mich jedoch nicht fortreißen. Der König der Kelche vermag Gefühl zu halten, ohne es zu unterdrücken.

Und ganz unten die Hohepriesterin.

Damit wurde die innere Grundlage erstaunlich ruhig: nach innen gehen, wahrnehmen, abwarten. Nicht jeder Gedanke verlangt eine sofortige Antwort; manches darf zunächst still werden, bevor sich zeigt, was davon überhaupt von Bedeutung ist.

Der Außenstrang

Auf der rechten Seite lagen:

Ritter der Schwerter – Die Welt – Vier der Stäbe

Hier fand ich meine Nervosität sofort wieder.

Der Ritter der Schwerter trägt eine rasche geistige Bewegung in sich. Genau so hatte ich mich nach dem Telefonat erlebt: Der ursprüngliche Anlass war längst vorbei, mein Denken hingegen eilte weiter.

Darunter lag die Welt.

In diesem senkrechten Zusammenhang bekam sie für mich eine sehr persönliche und zugleich ganz alltägliche Bedeutung: Ich hatte meine ganze Welt im Kopf.

Aus einem Gespräch waren zahlreiche weitere Überlegungen entstanden. Mein Geist hatte den einzelnen Anlass verlassen und sich bereits mit dem gesamten Lebensgefüge beschäftigt.

Ganz unten lagen jedoch die Vier der Stäbe.

Das war wichtig. Denn während oben der Ritter der Schwerter durch die Gedanken jagte und in der Mitte bereits die ganze Welt auftauchte, blieb die Grundlage bestehen. Mein äußeres Leben war nicht in jenem Maße ins Wanken geraten, wie es sich in meiner augenblicklichen Nervosität anfühlte.


Dieselbe Welt – und doch eine andere Aussage

Nun lässt sich das Kartenbild auch waagerecht lesen.

In der mittleren Linie lagen:

König der Kelche – Vier der Schwerter – Die Welt

Und plötzlich verändert sich der Akzent der Welt.

Im Außenstrang hatte sie meine Neigung beschrieben, nach einem einzelnen Anlass sogleich das gesamte Lebensgefüge gedanklich aufzurufen.

In dieser waagerechten Verbindung erzählt sie etwas anderes.

Links steht der König der Kelche: Gefühl ist vorhanden und darf vorhanden sein. In der Mitte liegt die Vier der Schwerter: Der Geist bekommt Ruhe. Und rechts öffnet sich wieder die Welt.

Für mich beschreibt diese Linie die Möglichkeit, nach der inneren Sammlung wieder anders auf meine Welt zu schauen. Sie besteht dann nicht mehr aus lauter Fragen, die gleichzeitig beantwortet werden müssen. Sie wird wieder zu einem Ganzen, das betrachtet werden kann.


Gerade daran zeigt sich für mich etwas Wesentliches beim Kartenlegen:

Eine Karte besitzt keinen einzigen starren Satz als Bedeutung. Ihre Stellung und die Karten, mit denen sie verbunden ist, bestimmen mit, welcher Teil ihres Bedeutungsraumes gerade hervortritt.


Und mitten darin: die Vier der Schwerter

Die zentrale Karte war an diesem Vormittag die Vier der Schwerter.

Je länger ich die Legung betrachtete, desto einleuchtender wurde sie.

Der Ritter der Schwerter wollte weiterdenken.Die Welt nahm bereits das gesamte Leben in den Blick. Die Zwei der Kelche zeigte den vorausgegangenen Beziehungsimpuls.

Mitten darin lag die Ruhe.

Besonders deutlich wurde das in der unteren Verbindung:

Hohepriesterin – Vier der Schwerter – Vier der Stäbe

Innere Sammlung, Ruhe und eine vorhandene äußere Grundlage.

Meine Nervosität war damit keineswegs falsch. Sie war auch nicht eingebildet. Sie gehörte lediglich nicht zu meiner gesamten Befindlichkeit.

Sie war das, was mich gerade bewegte.

Darunter lag etwas anderes.


Weshalb ich solche Legungen schätze

Manchmal wissen wir ziemlich genau, dass es uns nicht gutgeht, und dennoch können wir kaum unterscheiden, was da eigentlich alles gleichzeitig in uns geschieht. Ein Gefühl wird dann leicht zum Urteil über den gesamten Zustand: "Ich bin vollkommen aufgewühlt!"

Die Karten können eine solche Empfindung auseinanderlegen. Was ist augenblickliche Reaktion? Was gehört zu meiner inneren Haltung? Was geschieht tatsächlich im Außen? Und worauf stehe ich, während sich oben gerade alles bewegt?

An diesem Vormittag brauchte ich keine Lösung und keine weitere Entscheidung.

Ich musste lediglich erkennen, dass meine augenblickliche Unruhe nicht das Ganze war.


Ich war unruhig. Aber ich war nicht so unruhig, wie ich mich fühlte.

 
 
 

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