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Ein Glaubensbekenntnis?

vor 5 Stunden
11 Min. Lesezeit

Was würde Jesus zu meiner Arbeit mit Tarotkarten sagen?

Eine Doppellegung über das Göttliche, die guten Mächte und die Verantwortung des Kartenlegers


Eine persönliche Erfahrung vom 23. Oktober 2026






Manchmal beginnt eine wichtige Erkenntnis mit einem Zweifel. Mit einem unguten Gefühl oder mit der Frage, ob man in guter Absicht vielleicht eine Grenze überschritten hat. So begann mein heutiger Tag.

Seit ungefähr einem Jahr beschäftige ich mich intensiv mit Tarot – fast täglich mehrere Stunden. Dieses Jahr hat mein Leben tiefgreifend verändert. Meine Suche begann allerdings viel früher.

Als junges Mädchen war ich eher materialistisch geprägt. Mit einer gläubigen Freundin diskutierte ich oft über Gott und die Welt. Zugleich faszinierte mich immer schon die Frage, ob es zwischen Himmel und Erde weit mehr gibt, als wir mit unseren üblichen Erklärungen erfassen können.

Eine entscheidende Veränderung erlebte ich Anfang der 2000er Jahre durch die Familienaufstellungsarbeit. Als Stellvertreterin konnte ich in völlig unterschiedliche Rollen eintreten und dabei Wahrnehmungen und Empfindungen unmittelbar körperlich erleben. Diese Erfahrungen öffneten mir die Augen für eine Verbundenheit, die für mich über Personen, Orte und Zeiten hinausreicht. Seither hat sich mein spirituelles Weltbild immer weiterentwickelt. Das Tarot ist seit einem Jahr ein besonders intensiver Teil dieses Weges.


Eine Frage nach den Grenzen meiner Arbeit

Vor einiger Zeit wurde ich gebeten, mit den Karten ein gemeinsames berufliches Vorhaben mehrerer Menschen zu betrachten: ihre Fähigkeiten, ihr Zusammenwirken und mögliche Schwierigkeiten. Ich wollte helfen. Im Verlauf der Legung bezog ich einzelne Beteiligte genauer ein, ohne selbst geklärt zu haben, ob alle einer persönlichen Betrachtung zugestimmt hatten. Vielleicht war diese Zustimmung vorhanden; ich wusste es nur nicht.

Da begann mich eine Frage zu beschäftigen: Nur weil ich mithilfe der Karten etwas über einen anderen Menschen betrachten kann – steht mir diese Betrachtung auch zu? Hinzu kam, dass im Zusammenhang mit jener Legung ein religiöser Einwand gegen Tarot geäußert wurde. Und damit stand plötzlich eine noch größere Frage im Raum: Was würde Jesus zu meiner Arbeit sagen?


Das Göttliche ist für mich keine Institution

Ich unterscheide sehr deutlich zwischen dem Göttlichen und den religiösen Institutionen, Gemeinschaften und Glaubenslehren, die beanspruchen, es zu erklären oder zu vertreten. Meine spirituelle Suche ist an keine dieser Lehren gebunden. Ich möchte mich dem Göttlichen unmittelbar zuwenden und offenbleiben für neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Sobald wir meinen, endgültig zu wissen, wie das Göttliche beschaffen ist und welchen Weg der Mensch zu ihm gehen müsse, droht die geistige Entwicklung zu erstarren.

Mich interessierte nicht, ob eine Kirche das Kartenlegen erlaubt. Ich wollte wissen: Gibt es gute, wohlwollende Mächte? Gibt es Jesus als geistige Gegenwart? Oder ist unsere Welt ohne eine göttliche Schöpferkraft zu verstehen? Und wenn es eine solche Gegenwart gibt: Kann Tarotarbeit im Dienst des Guten stehen?


Ein Traum und eine Gänsehaut – fast fünfzig Jahre dazwischen

Als ich etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt war, träumte ich von Jesus. Er berührte mich nur mit einer Fingerspitze. Mein ganzer Körper schien unter Strom zu stehen; ich empfand ein überwältigendes, beglückendes Gefühl. Diesen Traum habe ich nie vergessen.

Heute helfen mir in schwierigen Augenblicken zwei Sätze: „Ich bin im Christusbewusstsein.“ Und: „Jesus ist in mir.“ Sie verbinden mich innerlich mit Liebe, Kraft und Geborgenheit. Als ich heute Morgen über Jesu mögliche geistige Gegenwart über seinen Tod hinaus nachdachte, ging mir plötzlich ein wohliges Frösteln mit Gänsehaut über den Rücken. Ich fühlte mich an den alten Traum erinnert. Dann legte ich die Karten.




Erste Legung: Die guten Mächte und die Gegenwart Jesu



1. Was ist der Ursprung jener Kraft, die wir als göttlich bezeichnen?

König der Schwerter

Meine erste Assoziation war ein schöpferischer Wille. Eine geistige Entscheidung, gewissermaßen eine königliche Entscheidung. Der König der Schwerter verkörpert für mich Klarheit, Bewusstsein, geistige Ordnung und die Kraft des Wortes.

Und plötzlich fiel mir der Anfang des Johannesevangeliums ein: „Im Anfang war das Wort ...“ Das griechische Wort Logos bezeichnet mehr als ein gesprochenes Wort. Es kann ebenso Vernunft, Sinn und geistige Ordnung bedeuten. In der biblischen Schöpfungserzählung spricht Gott – und es entsteht Licht.

Vielleicht stand am Anfang tatsächlich ein Wille, eine bewusste geistige Kraft. Dass gerade diese Karte den Ursprung beschreiben sollte, beeindruckte mich sehr.



2. Wie zeigt sich diese Kraft in unserer Welt?

Die Sonne

Ich war verblüfft. Zuerst der schöpferische Wille, der Logos. Und unmittelbar danach die Sonne! Erst das Wort, dann das Licht.

Die Sonne schenkt Wärme, Wachstum und Leben. Sie strahlt, ohne vorher zu fragen, wem sie ihr Licht schenken darf. Auch Jesus bezeichnet sich im Johannesevangelium als das Licht der Welt.

Bereits diese beiden ersten Karten bildeten für mich eine bemerkenswerte Einheit. Ihre Reihenfolge erschien mir fast wie eine bildliche Antwort auf die Schöpfungserzählung.





3. Welche Bedeutung hat Jesus innerhalb dieser geistigen Wirklichkeit?

Neun der Münzen

Hier kam mir ein Gedanke, der mich bis heute beschäftigt: Warum die Neun und nicht die Zehn?

In meiner Beschäftigung mit den Zahlen des Tarots verstehe ich die Neun häufig als persönliche Reife und die Erfüllung einer individuellen Entwicklung. Die Zehn führt darüber hinaus in einen größeren gemeinschaftlichen Zusammenhang. Bei der Neun der Kelche beispielsweise genießt ein Mensch die Früchte des eigenen Lebens; die Zehn öffnet den Blick auf das Miteinander.

So entstand in mir die Deutung: Jesus ist nicht die gesamte göttliche Wirklichkeit, sondern ein aus ihr hervorgegangener, eigenständiger Ausdruck. Ein Gesandter des Göttlichen, wie es die christliche Überlieferung beschreibt.

Dabei muss das Göttliche für mich keineswegs männlich sein. Vielleicht liegt sein Wesen weit jenseits unserer Vorstellungen von Vater, Mutter, männlich und weiblich. Die Neun der Münzen erschien mir gerade deshalb passend: Sie zeigt eine gereifte Einzelgestalt, die aus einer größeren Fülle hervorgeht.



4. Was von Jesus wirkt heute noch unter den Menschen?

Sechs der Münzen

Mit der Sechs der Münzen ging es für mich von der persönlichen Fülle in die Gemeinschaft. Die Karte zeigt das Geben und Empfangen, die Zuwendung und den Ausgleich. Sofort dachte ich an die gelebte Nächstenliebe Jesu.

Das Interessante ist die Verbindung zur vorangehenden Neun: Der Einzelne reift, aber seine Entwicklung endet nicht bei ihm selbst. Er kann das, was in ihm gewachsen ist, anderen Menschen zugutekommen lassen.

Für mich lag darin eine schöne Aussage darüber, was von Jesus heute weiterwirken könnte: geistige Fülle, die nicht Besitz bleibt, sondern in tätige Liebe übergeht.





5. Wie können Menschen mit dieser Kraft in Verbindung treten?

Königin der Münzen

Hier musste ich lächeln. Die Königin der Münzen ist seit Langem eine Karte, mit der ich mich persönlich besonders verbunden fühle. Ausgerechnet sie erschien auf der Frage, wie Menschen mit der göttlichen Kraft in Verbindung treten können.

Sie verkörpert Fürsorge, Erdverbundenheit, Wärme und die Fähigkeit, etwas Geistiges in eine ganz konkrete Handlung zu verwandeln.

Vielleicht begegnen wir dem Göttlichen nicht ausschließlich durch Gebete, religiöse Schriften oder besondere Rituale. Vielleicht begegnen wir ihm auch, wenn wir einen Menschen versorgen, einem Kind Geborgenheit schenken, jemandem aufmerksam zuhören oder einem Tier Schutz bieten.

Die Königin der Münzen macht Liebe greifbar. Sie bringt sie in die Welt.



6. Woran lässt sich eine wohlwollende geistige Kraft erkennen?

Ass der Münzen

Diese Karte gewann für mich später noch eine besonders große Bedeutung. Im klassischen Rider-Waite-Smith-Tarot erscheint eine Hand aus einer Wolke und reicht dem Menschen eine Münze dar. Darunter liegt ein Garten; durch einen bewachsenen Torbogen führt ein Weg in Richtung Berge.

Das ist für mich weit mehr als ein schöner Anfang. Eine Hand bietet etwas an. Und das Angebot kommt von oben.

Es wird nichts aufgezwungen, nichts verlangt. Der Weg liegt vor dem Menschen, aber er darf selbst entscheiden, ob er ihn gehen möchte.

Ich empfand dieses Bild als einen möglichen Maßstab für wohlwollende geistige Kräfte: Sie eröffnen Möglichkeiten und respektieren die Freiheit des Menschen.



7. Welche Erkenntnis dürfen wir über die guten Mächte gewinnen?

Fünf der Münzen

Zunächst könnte diese Schlusskarte verunsichern. Zwei Menschen gehen in Kälte und Not an einem leuchtenden Kirchenfenster vorbei. Aber mein erster Gedanke war keineswegs, dass sie von der Hilfe ausgeschlossen seien.

Im Gegenteil: Die Zuflucht ist vorhanden. Das Licht ist vorhanden. Die Möglichkeit ist da. Doch die Menschen müssen sie wahrnehmen und selbst den Weg finden. Vielleicht brauchen sie nur den Blick zu heben.

Die Karte schien mir unmittelbar an das Ass der Münzen anzuschließen: Dort wird der Weg angeboten; hier sehen wir Menschen, die ihn noch erkennen und wählen müssen.

Und das Kirchenfenster bedeutet für mich nicht, dass jeder Mensch in ein Kirchengebäude gehen soll. Ich verstehe diese Architektur als ein Bild für geistige Zuflucht, für die Begegnung mit dem Göttlichen. Es geht nicht um eine Institution, sondern um den Zugang zu einer tragenden Kraft.

So wurde gerade die scheinbar schwierige letzte Karte für mich zu einer ausgesprochen hoffnungsvollen Antwort.

Nachdem alle sieben Karten auf dem Tisch lagen, wurde mir die Abfolge erst richtig bewusst: König der Schwerter, Sonne – und dann fünf Münzenkarten unmittelbar hintereinander! Fünfmal das Element Erde auf den Positionen drei bis sieben. Ich las darin eine Bewegung vom schöpferischen Geist über das Licht hinein in die konkrete Welt menschlichen Lebens und Handelns. Auch die Verbindung zwischen Neun und Sechs der Münzen schien diesen Weg zu erzählen: vom eigenen Reifen hin zum Dienst an anderen. Es war nicht nur eine Sammlung einzelner passender Karten. Ihre Reihenfolge und ihr Zusammenwirken ließen mich ehrfurchtsvoll staunen.





Zweite Legung: Jesus und die Arbeit mit Tarotkarten




1. Was ist das eigentliche Wesen unserer Tarotarbeit?

Drei der Münzen

Im klassischen Tarot arbeiten mehrere Menschen gemeinsam an einem sakralen Bauwerk. Sie bringen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten ein und erschaffen etwas, das über den Einzelnen hinaus Bedeutung besitzt.

So verstehe ich auch meine Tarotarbeit. Der Ratsuchende bringt seine Geschichte, seine Fragen und seine Lebenserfahrung mit. Ich bringe meine Erfahrungen aus der Begleitung von Menschen, meine Wahrnehmung und die Kenntnis der Karten ein. Gemeinsam betrachten wir Bilder und Zusammenhänge.

Die Karte beschreibt für mich damit weder eine einsame Kunst noch das Auftreten eines allwissenden Deuters, sondern eine Zusammenarbeit. Dass sie traditionell in einem sakralen Bauwerk angesiedelt ist, verlieh ihr innerhalb unserer Frage eine zusätzliche Bedeutung.



2. Welche geistige Kraft kommt bei dieser Arbeit zum Ausdruck?

Die Kraft

Ich musste beinahe lachen. Welche Kraft wirkt bei dieser Arbeit? Die Kraft!

In der klassischen Darstellung begegnet eine Frau einem Löwen. Sie bezwingt ihn nicht mit Gewalt, sondern mit Ruhe, Nähe und innerer Festigkeit.

Für mich ist das ein Sinnbild der liebevollen Stärke. Sie unterdrückt nicht und zwingt nicht, sondern ermöglicht eine Verbindung zwischen dem Bewussten und dem Instinktiven.

Auch darin sah ich einen Bezug zur ersten Legung: Dort zeigte die Sonne das Licht als umfassende Lebenskraft. Hier erscheint die Kraft im Inneren des Menschen, in seiner Haltung und seinem Umgang mit anderen.




3. Wie steht die Lehre Jesu zu dieser Art der Erkenntnissuche?

Der Herrscher – in meinem Tarot „Urvater“

Schon wieder eine Große Arkana. In unserem eigenen Tarot heißt der Herrscher „Urvater“. Er steht für Ordnung, Schutz, Verantwortung und eine verlässliche Grundlage.

Ich sah darin auch einen Bezug zu dem göttlichen Ursprung, den Jesus als Vater bezeichnet. Das bedeutet für mich keineswegs, dass das Göttliche auf ein männliches Wesen festgelegt sein muss.

Auf meine Tarotarbeit übertragen empfand ich die Karte als Erinnerung an Verantwortung: Eine ernsthafte Erkenntnissuche braucht klare Grundsätze. Eine Fähigkeit allein ist noch kein Maßstab dafür, was man mit ihr tun darf.





4. Welche Bedeutung hat die Absicht des Kartenlegers?

Der Stern

Der Stern! Auf der Frage nach der Absicht des Kartenlegers hätte ich mir kaum eine schönere Karte vorstellen können.

Er steht für Hoffnung, Zuversicht, Vertrauen, Offenheit und eine reine innere Ausrichtung. Genau aus dieser Haltung möchte ich Menschen begegnen: Ich möchte ihnen Mut machen, neue Zusammenhänge erkennen helfen und dazu beitragen, dass sie Vertrauen in den eigenen Weg gewinnen.

Der Stern will nicht herrschen oder jemanden an sich binden. Er spendet Licht und Hoffnung. Und gerade diese Haltung wurde in der nächsten Karte auf eine überraschende Probe gestellt.





5. Welche Gefahren oder Verirrungen können entstehen?

Der Magier

Hier war ich wirklich tief beeindruckt. Ausgerechnet bei der Frage nach den möglichen Gefahren erschien der Magier – der Zauberer! Genau jene Gestalt, um die sich meine ursprüngliche Frage nach Kartenlegen, Magie und guten oder dunklen Kräften gedreht hatte.

Der Magier besitzt Fähigkeiten. Er kennt seine Werkzeuge, kann gestalten, etwas sichtbar machen und Einfluss nehmen. Aber gerade deshalb muss er verantwortlich entscheiden, wofür er seine Fähigkeiten einsetzt.

Plötzlich war ich gedanklich wieder bei jenem gemeinsamen Vorhaben, für das ich Karten gelegt hatte. Ich wollte helfen, war bei der Betrachtung jedoch immer tiefer in einzelne Persönlichkeiten vorgedrungen. Ob die Betroffenen vorher zugestimmt hatten, wusste ich nicht.

Da wurde mir etwas Entscheidendes bewusst: Nur weil ich etwas erkennen oder mit den Karten betrachten kann, steht mir nicht automatisch das Recht zu, ungefragt in das Leben eines anderen Menschen hineinzugehen.

Für mich war der Magier keine Verurteilung der Tarotarbeit. Er war eine präzise Erinnerung an ihre Grenzen. Dass gerade diese Karte auf der Gefahrenposition lag, empfand ich als einen der eindrucksvollsten Augenblicke der gesamten Doppellegung.



6. Was macht diese Arbeit zu einem Dienst am Menschen?

Königin der Kelche

Und auf den Magier folgte die Königin der Kelche. Für mich war das eine wunderschöne Antwort.

Sie verkörpert Einfühlungsvermögen, seelische Tiefe, liebevolle Zuwendung und die Fähigkeit, einem Menschen ohne Herrschaftsanspruch zu begegnen. Sie hört zu. Sie will verstehen. Sie stellt nicht die eigene Macht in den Mittelpunkt, sondern den Menschen, der ihr gegenübersitzt.

Damit entstanden für mich drei unmittelbar verbundene Aussagen: Der Stern beschreibt die Hoffnung und die reine Absicht. Der Magier erinnert an die Verantwortung, die mit einer Fähigkeit einhergeht. Die Königin der Kelche zeigt, wie diese Fähigkeit zum Dienst am Menschen werden kann.

Mit klarem Bewusstsein, einem offenen Herzen und mit Achtung vor der Freiheit des anderen. Diese Verbindung erschien mir als Kern meiner heutigen Erkenntnis.



7. In welchem Verhältnis steht unsere Tarotarbeit zu den guten Mächten?

Vier der Schwerter

Wieder eine stille, zunächst vielleicht rätselhafte Schlusskarte. Im klassischen Tarot ruht ein Ritter in einem sakralen Raum. Ein farbiges Fenster deutet auf einen Ort der Andacht und inneren Sammlung hin.

Und plötzlich erinnerte ich mich an die letzte Karte der ersten Legung, die Fünf der Münzen. Dort gingen Menschen draußen an einem erleuchteten Kirchenfenster vorbei. Hier befindet sich ein Mensch bereits innerhalb eines geschützten Raumes. Was für eine Verbindung zwischen zwei unabhängig gelegten Siebenerreihen!

In der ersten Legung ging es darum, die Zuflucht wahrzunehmen und den Weg dorthin selbst zu wählen. In der zweiten liegt der Mensch bereits in einer tiefen Stille. Vielleicht muss er in diesem Augenblick überhaupt nichts bewirken, beweisen oder erzwingen. Auch hier denke ich nicht an eine Kirche als Institution. Das sakrale Bild steht für mich für eine geistige Dimension, für Sammlung und inneren Frieden. So erhielt die letzte Karte für mich eine geradezu versöhnliche Bedeutung: Erst der Weg zur Zuflucht. Dann die Ruhe innerhalb dieser Zuflucht.



Auch diese Reihe hatte eine ungewöhnliche innere Ordnung: Auf den Positionen zwei bis fünf lagen vier Große Arkana unmittelbar hintereinander – Kraft, Herrscher, Stern und Magier. Liebevolle innere Stärke, Verantwortung, Hoffnung und schließlich die Möglichkeit, Fähigkeiten verantwortlich oder missbräuchlich einzusetzen. Besonders bewegte mich, dass beide Legungen zusammen gedanklich beim König der Schwerter, dem erkennenden Geist, begannen und bei der Königin der Kelche, dem mitfühlenden Herzen, eine entscheidende Antwort fanden. Zugleich hatten die Drei der Münzen und die Vier der Schwerter, Anfang und Ende der zweiten Reihe, beide einen sakralen Bildzusammenhang.



Der Magier – mein eigentlicher Weckruf

Die Doppellegung hat mich tief bewegt. Innerhalb meiner persönlichen spirituellen Deutung empfand ich sie als Ermutigung, diese Arbeit guten Herzens fortzusetzen – beinahe wie einen inneren Freispruch, doch verbunden mit einer klaren Verpflichtung. Denn die Würde und die Selbstbestimmung eines anderen Menschen stehen über meiner Neugier und meinen Möglichkeiten. Mein eigener Weg darf niemandem übergestülpt werden.

Aus meiner früheren Familienaufstellungsarbeit kannte ich diesen Grundsatz bereits: Eine persönliche Arbeit mit Erwachsenen setzt ihre eigene Bereitschaft voraus; bei minderjährigen Kindern tragen die Eltern eine besondere Verantwortung. Nun wurde mir bewusst, dass ich bei Tarotlegungen ebenso konsequent darauf achten möchte.

Wie passend das war, zeigte sich unmittelbar danach. Ich hörte von einer möglichen Anfrage, bei der jemand aus Sorge um eine nahestehende Person gern etwas über deren Leben erfahren wollte. Nach unserer Legung war mir sofort klar: Ich kann mit einem Menschen über seine eigenen Sorgen sprechen. Über eine andere Person persönlich zu legen, ohne deren Einverständnis, ist etwas anderes.

Das zeitliche Zusammentreffen empfand ich als ein kleines Zeichen. Eine Erkenntnis aus dem Magier wurde unmittelbar zu einer Entscheidung für meinen Alltag.



Was bleibt?

Am Morgen hatte ich gefragt, ob meine Arbeit mit den Tarotkarten im Sinne der guten Mächte sein kann. Am Ende hatte ich etwas erkannt, das mir wichtiger erscheint als eine einfache Antwort mit Ja oder Nein: Nicht allein die Fähigkeit, etwas zu erkennen, macht eine gute geistige Arbeit aus, sondern die Verantwortung, mit der wir diese Fähigkeit einsetzen.

Seit etwa einem Jahr beschäftige ich mich täglich intensiv mit Tarot. Dennoch gehört diese Doppellegung für mich zu den bewegendsten Erfahrungen dieser Zeit. Nicht allein die einzelnen Karten haben mich beeindruckt, sondern ihre Reihenfolge, die Beziehungen zwischen beiden Legungen und die überraschend konkrete Einsicht, die daraus für mein Handeln entstand. Ich erlebte die Karten als außergewöhnlich stimmig und als eine wertvolle persönliche Antwort auf meine Fragen. Vielleicht war gerade die Verbindung aus Staunen, Zuversicht und Selbstprüfung das größte Geschenk dieses Morgens.

Und noch etwas ist dadurch in Bewegung gekommen: Mein Blick auf die Bilder unseres eigenen, beinahe fertigen Tarotspiels hat sich verändert. Davon erzähle ich in einem zweiten Beitrag.

Kartenbilder: einheitliche Ausgabe „Roses & Lilies“ des Rider-Waite-Smith-Tarots (1909), Pamela Colman Smith.

 
 
 

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